RAG-Chatbots, KI-Assistenzsysteme und Co:  Einsatzszenarien in der öffentlichen Verwaltung

RAG-Chatbots, KI-Assistenzsysteme und Co: Einsatzszenarien in der öffentlichen Verwaltung

Ein Fachbeitrag von Jonatas Furtado do Amaral

Ob Messen, Konferenzen, Vorträge, Fachliteratur: Es herrscht Einigkeit darüber, dass Künstliche Intelligenz (KI) viel Potenzial bereithält, die Abläufe in der öffentlichen Verwaltung effizienter zu gestalten und die Qualität von Entscheidungen zu verbessern. Sie kann bei der Automatisierung zeitraubender Routineaufgaben unterstützen, fundierte Entscheidungsgrundlagen schaffen und dadurch Raum für wichtige fachliche Aufgaben eröffnen.
Aber wie genau kann die KI helfen? Zur Einordnung der verschiedenen Anwendungsmöglichkeiten erläutern wir zunächst einige Grundbegriffe.

Grundlegende Technologien und Begriffe

Sprachmodelle / Large Language Models (LLM)
Bei Large Language Models handelt es sich um KI-Systeme, die mithilfe sehr großer Textmengen trainiert werden und in der Lage sind, geschriebene Sprache zu „verstehen“ sowie eigene Texte zu formulieren.

Retrieval-Augmented Generation (RAG)
RAG ist ein Architektur-Ansatz zum Einsatz von KI, bei dem der Prompt gezielt mit zusätzlichen Informationen (z.B. internen Dokumenten oder Datenbankquellen) angereichert wird, die im vortrainierten Sprachmodell nicht enthalten sind. So wird die Ausgabe eines Sprachmodells optimiert, indem es auf eine maßgebliche Wissensbasis außerhalb seiner Trainingsdatenquellen verweist, bevor eine Antwort generiert wird. Dies bedeutet, dass das Modell relevante Informationen aus externen Quellen abruft und diese in die generierte Antwort integriert.

Vektordatenbank
Um Texte maschinell verarbeiten zu können, werden sie in Zahlenwerte (Vektoren) übersetzt, die Beziehungen zwischen Wörtern und Sätzen abbilden. In einer Vektordatenbank sind diese Informationen effizient auffindbar, sodass das Sprachmodell schneller auf passende Textinhalte zugreifen kann.

Prompt Engineering
Die gezielte Formulierung von Eingaben („Prompts“) an ein Sprachmodell, um dessen Antworten so genau und relevant wie möglich zu gestalten, nennt man Prompt Engineering. Ein sorgfältig gestalteter Prompt steigert sowohl die Qualität als auch die Aussagekraft von KI-Ergebnissen.

Inference
Der Prozess, bei dem das KI-System auf Basis seines Trainings eine Antwort generiert, nennt sich Inference. Dies erfordert vor allem bei großen Modellen erhebliche Rechenleistung.

Fine-Tuning
Beim Fine-Tuning wird ein vortrainiertes Modell mit weiteren (behördenspezifischen) Informationen nachträglich trainiert, um dieses für spezielle Aufgaben oder Anwendungsfälle anzupassen.

Und welche Einsatzmöglichkeiten gibt es in der öffentlichen Verwaltung?

In unseren Projekten wurden bereits die folgenden Anwendungsfälle erfolgreich getestet:

Einsatz von RAG-Chatbots zur Recherche in internen Dokumenten
Mit Hilfe von RAG können Chatbots bei komplexen Rechercheaufgaben unterstützen. Ein Chatbot kann beispielsweise automatisiert relevante Textstellen aus internen Handbüchern, Konzepten, Dienstanweisungen oder Vermerken bereitstellen, wodurch sich der zeitintensive Suchaufwand deutlich reduziert.
Einsatz von KI-Assistenzsystemen zur Analyse eingereichter Unterlagen, z. B. internationaler Zeugniss
Diese Systeme analysieren eingereichte Unterlagen eigenständig und gleichen sie mit den jeweiligen Anforderungen ab. Ob bei der Anerkennung ausländischer Abschlüsse oder anderen Fachanträgen – die KI kann eine erste Empfehlung abgeben, die von einer Fachkraft geprüft und final entschieden wird.

Prompt-Engineering zur Erleichterung der Stellenbewertung gemäß TVöD
Besonders anspruchsvolle Prozesse wie die Stellenbewertung können durch KI sinnvoll unterstützt werden. Hierzu erfasst das System die Tätigkeitsmerkmale, gleicht sie mit TVöD-Referenzdokumenten ab und schlägt eine Eingruppierung vor.

Wer die Wahl hat, hat die Qual. Oder doch nicht?

Grundsätzlich kommt für die Umsetzung der beschriebenen Anwendungsfälle in der öffentlichen Verwaltung die Nutzung von Open-Source-Lösungen oder proprietären Modellen infrage. Bei der Wahl zwischen einer Open-Source-Lösung (etwa Llama) und einem proprietären Modell (zum Beispiel ChatGPT) spielen Flexibilität und Support eine entscheidende Rolle.

Open-Source-Modelle sind häufig sehr anpassungsfähig und profitieren von einer aktiven Entwickler-Community. Sie sind jedoch mitunter aufwendiger einzuführen und benötigen entsprechendes Know-how sowie personelle Ressourcen für die eigenständige Wartung und Weiterentwicklung.

Proprietäre Systeme lassen sich in der Regel schneller implementieren und bieten einen festen Support, wobei die jeweiligen Lizenz- und Abrechnungsmodelle sorgfältig geprüft werden sollten. Häufig erfolgt die Abrechnung tokenbasiert, d. h. (vereinfacht dargestellt) aufwandsbezogen. Infolgedessen können die tatsächlich anfallenden Kosten in der Regel im Vorfeld kaum zuverlässig geschätzt werden.

Ein weiterer Aspekt ist die Beschaffung passender Hardware für den On-Premise-Betrieb von Sprachmodellen. Für die performante und qualitativ hochwertige Erledigung komplexer Aufgaben (insbesondere für das Training) werden in der Regel leistungsfähige und somit kostspielige Grafikprozessoren (GPUs) benötigt.

Und wie sicher ist das alles?

Gerade in der öffentlichen Verwaltung gelten strenge Vorschriften hinsichtlich Datenschutz, IT-Sicherheit und Rechtskonformität. Bei jedem KI-Projekt ist daher zu prüfen, welche Daten verarbeitet werden sollen (und dürfen), welche daraus Schutzmaßnahmen abzuleiten sind und wie sich der Einsatz technisch und organisatorisch in die bestehende Infrastruktur integrieren lässt. Eine sorgfältige Prüfung dieser Punkte ist unerlässlich, um Rechts- und Sicherheitsrisiken zu vermeiden.

Unser Fazit

Künstliche Intelligenz wird den Arbeitsalltag in der öffentlichen Verwaltung perspektivisch erheblich erleichtern und die Qualität von Entscheidungsprozessen steigern. Ob RAG-Chatbots, KI-Assistenzsysteme oder automatisierte Stellenbewertungen – richtig eingesetzt, eröffnet der Einsatz von KI-Sprachmodellen neue Handlungsspielräume und gestaltet Verwaltungsprozesse schneller, effizienter und nutzerfreundlicher.

Sind Sie an der Einführung der dargestellten Technologien interessiert oder haben Sie noch Fragen? Wenden Sie sich gerne an uns unter info@imtb.de . Wir begleiten Sie von der ersten Machbarkeitsanalyse über die technische Umsetzung bis hin zur Schulung Ihrer Mitarbeitenden. So schaffen wir gemeinsam eine zukunftsfähige, KI-gestützte Verwaltung, in der Sicherheit und Rechtskonformität gewährleistet sind.

Das IMTB-Wiki: ein neuer Meilenstein für unser Wissensmanagement

Das IMTB-Wiki: ein neuer Meilenstein für unser Wissensmanagement

Kennen Sie das? Der demographische Wandel drückt. Es ist absehbar, dass erfahrene Kolleginnen und Kollegen sich „plötzlich und unerwartet“ in den wohlverdienten Ruhestand verabschieden und einen Großteil Ihres Wissens mitnehmen?

Oder kennen Sie vielleicht folgendes Szenario? Sie nutzen zwar ein Dokumentenmanagementsystem, um das Schriftgut Ihrer Organisation systematisch zu verwalten, aber das informelle Wissen in den Köpfen vieler Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, all die Tricks und Kniffe, die es ermöglichen, Prozesse erfolgreich zu gestalten, sind nicht für alle nutzbar.

Oder all Ihr Wissen ist zwar gut sortiert abgelegt, aber um zu einem bestimmten Stichwort Informationen zu erhalten, müssen Sie sich durch einen Berg von Dokumenten kämpfen? Okay, da wird zukünftig die KI helfen können, aber es gibt ja auch im Jahr 2024 nicht nur die KI, sondern auch Menschen, die anderen Menschen Ihr Wissen evtl. noch einmal auf eine andere Art und Weise zur Verfügung stellen können.

Als Beratungsunternehmen ist das Umwandeln von Information in Wissen Bestandteil unserer täglichen Arbeit bei der IMTB. Wir sammeln seit 18 Jahren unglaublich viele wertvolle Fachkenntnisse und Praxiserfahrungen. Das Wissen daraus zu bewahren und systematisch zu erschließen, ist für uns erfolgskritisch, denn dieses Wissen ist der Grund, warum unsere Kunden uns beauftragen. Wir tun viel dafür, dass unsere Kolleginnen und Kollegen gut informiert sind. Besonders bewährt haben sich das fachliche Onboarding, die jährlich zwei Fortbildungen, der Verzicht auf langfristige Einsätze bei nur wenigen Kunden, interne Vorträge, und der systematische Projektabschluss mit einer Aufarbeitung der „lessons learned“. Daher haben wir in einem internen Projekt unser eigenes IMTB-Wiki entwickelt und im November an den Start gebracht. Dieses leistet einen Beitrag dazu, das interne Wissensmanagement der IMTB weiter zu verbessern – das Thema, dem innerhalb der IMTB im Jahr 2025 besondere Bedeutung beigemessen werden wird.

Aber wie sieht so ein Wiki denn nun aus?

Bei unserem IMTB-Wiki ist es so: Die Startseite erinnert von ihrer spartanischen Aufmachung her bewusst ein wenig an Google, mit der Suche im Zentrum. Es genügt, das Stichwort einzugeben. Sogar eine kleine Einführung in die Bedienung des Wiki und Beispielseiten zur Unterstützung beim Befüllen kann man unter entsprechenden Stichworten finden. Damit wird es allen Kolleginnen und Kollegen leicht gemacht, einen Beitrag zum eigenen Fachgebiet zu veröffentlichen und zur Verfügung zu stellen.

Bei der Erstellung der Artikel sind unsere Kolleginnen und Kollegen inhaltlich weitgehend frei. Das ist natürlich ein erheblicher Vertrauensbeweis. Und daher ist es selbstverständlich auch Aufgabe der Autorinnen und Autoren, dass ihr Artikel nach der Erstellung von einer kompetenten Person qualitätsgesichert wird. Das ist bei der IMTB übrigens grundsätzlich Usus, egal ob bei Produkten für unsere Kunden oder bei internen Dokumenten.

Wichtig ist, wenn man als Organisation ein Wiki nutzt: Was an anderer Stelle bereits „hinreichend“ beschrieben ist, muss nicht noch einmal neu geschrieben werden. Der Anspruch für einen Artikel im Wiki ist es, den Kollegeninnen und Kollegen Kenntnisse zu vermitteln, die man sonst eben nicht im Internet oder anderen internen Ablagen findet. Das können gute Zusammenfassungen sein, spezielle Fachthemen, methodische Ansätze oder auch nur Erläuterungen, in welchen Dokumenten man weiterführende Informationen findet. Wichtig ist vor allem, dass die Wissensaufbereitung in die tägliche Arbeit integriert wird. Dazu braucht es Freude an der Wissensvermittlung, die Integration der Wissensaufbereitung in den Projektablauf und entsprechende Freiräume.

Ein Wiki ist und wird immer im Werden begriffen sein. Es lebt davon, dass viele kleine Wissenshäppchen aus dem Arbeitsalltag dort einfließen. Insofern ist es wichtig, dass sich alle ein Herz fassen und ihr Wissen teilen, um unseren Wissensschatz zu hegen und zu pflegen.

Danke an alle unsere Kolleginnen und Kollegen, die an der Entwicklung des IMTB-Wiki beteiligt waren. Gehen wir es an!

Harmonische Weihnachten

Harmonische Weihnachten

„Tausend Sterne sind ein Dom“

Wir wünschen Ihnen hiermit frohe Weihnachten und viele glücklich machende Lichter, ein Leuchten im Herzen und die Ruhe, den Hauch der Weihnacht zu spüren.

„Tausend Sterne sind ein Dom“ hat unser Kollege Carsten Jenß in diesem Jahr auf dem Akkordeon für Sie eingespielt. Sie sehen ihn in unserem kleinen Film mit seinen Mitmusizierenden des Akkordeonorchesters Berlin e.V.

Mit dieser Melodie wünschen wir unseren Kundinnen und Kunden, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Geschäftspartnern und allen Familienangehörigen eine harmonische, friedvolle Weihnachtszeit und ein erholsames Jahresende.

Zum Lied „Tausend Sterne sind ein Dom“
Das Lied wurde vom Komponisten Siegfried Köhler komponiert. Siegfried Köhler wurde 1927 in Meißen geboren und schrieb diesen Titel voller Hoffnung unter den Eindrücken der Nachkriegsjahre. Er war später unter anderem Rektor der Dresdner Musikhochschule „Carl-Maria von Weber“ und Intendant der Sächsischen Staatsoper.

1946 brachte er die folgenden Worte zu Papier.

Tausend Sterne sind ein Dom
in stiller weltenweiter Nacht.
Ein Licht blüht auf im Kerzenschein,
das uns umfängt und glücklich macht.

All dies Schweigen macht uns froh,
ein Leuchten durch die Herzen geht.
Und silbern schwingt der hohe Dom,
vom Hauch der Weihnacht still umweht.

Alles Dunkel sinkt hinweg,
wir haben unser Licht entfacht.
Es leuchtet uns zum neuen Jahr
in tiefer sternverklärter Nacht.

Wir wünschen Ihnen hiermit frohe Weihnachten und viele glücklich machende Lichter, ein Leuchten im Herzen und die Ruhe, den Hauch der Weihnacht zu spüren.

Und weil Musik verbindet, spendet die IMTB in diesem Jahr Instrumente für den musikalischen Nachwuchs.

 

Ein funkelnder Jahresabschluss

Ein funkelnder Jahresabschluss

Unsere IMTB-Weihnachtsfeier in Dresden

Die Vorweihnachtszeit bietet immer wieder die perfekte Gelegenheit, um das Jahr gemeinsam ausklingen zu lassen. Und daher hat sich in diesem Jahr das gesamte IMTB-Team auf den Weg nach Dresden gemacht. Und was soll man sagen? Die Stadt hatte sich auch ordentlich in Schale geworfen.

Und so bot es sich an, schon am frühen Nachmittag anzureisen, den Kolleginnen und Kollegen im Dresdner Büro einen Besuch abzustatten und gemeinsam die weihnachtlich glitzernde Stadt zu erkunden. Nicht wenige nutzten die Gelegenheit für einen Spaziergang über all die bezaubernden Märkte im weihnachtlichen Elbflorenz, besonders natürlich über den herrlich leuchtenden und verführerisch duftenden Striezelmarkt.

 

Am Abend wurde dann über den Dächern Dresdens gefeiert, wo uns ein atemberaubender Blick über die Stadt, Glühwein auf der Dachterrasse und ein festliches Abendessen erwarteten. Und im Anschluss daran gab diesmal sogar eine kleine Bescherung für alle.

Nach dem „offiziellen Teil“ war dann viel Zeit für fröhliche Gespräche und natürlich wurde auch die Tanzfläche eröffnet. Getanzt wurde übrigens ausgelassen und wild und zwar bis spät in die Nacht hinein.

Wir haben mal wieder ein wahres IMTB-Familienfest gefeiert, bei dem deutlich wurde, wie schön es ist, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die man wirklich mag.

Mit diesem besonderen Erlebnis blicken wir dankbar auf das vergangene Jahr zurück und freuen uns auf das kommende.

Dresden hat uns verzaubert. Danke an alle, die an der Organisation beteiligt waren – auch an das fleißige IMTB-Bastelteam – und eine frohe Vorweihnachtszeit!

 

Carsten – Leidenschaft und Engagement in allen Lebenslagen:  beim Scannen, Musizieren und im Ehrenamt

Carsten – Leidenschaft und Engagement in allen Lebenslagen: beim Scannen, Musizieren und im Ehrenamt

Zu einer neuen Folge Menschen@IMTB treffen wir in unserem Berliner Büro unseren Kollegen Carsten Jenß. Carsten ist Fachthemenmanager für Digitale Services, und Experte für alles rund um die Themen Scannen, elektronische Signaturen und elektronische Siegel. Darüber hinaus ist er derjenige Kollege, der sich bei unseren Teamwochenenden auf Usedom schon mal spontan an den Flügel setzt und unser Beisammensein mit Musik untermalt.

Hallo Carsten, schön, dass wir Dich zum Gespräch treffen dürfen. Du bist einer unserer besonders erfahrenen Scan-Experten. Wie kam es dazu, dass du diese Expertise erworben hast?

Das hat 1997 angefangen. Ich arbeitete bei einem Hersteller von Dokumentenmanagementsystemen (DMS). Randthema war damals schon das Einscannen von Post und das Erkennen von Dokumenten. Es gab da einen Mitarbeiter, mit dem ich mich sehr gut verstanden habe, den nannten alle Dr. TIFF, denn er konnte TIFF-Dateien hexadezimal lesen. Das kann ich zwar bis heute nicht, aber er hat mich auf diese Weise mit dem Thema Scannen angefixt.

Und seitdem bist du im Thema unterwegs?

Das kam etwas später. Eigentlich komme ich aus der Ecke Dokumenten- und Workflowmanagement-Systeme, was man im Behördenumfeld „E-Akte“ nennt. Ich war bei Softwareanbietern als IT-Projektleiter tätig. Im Jahr 2009 habe ich aber in einer Berliner Zeitung eine Stellenanzeige gelesen, bei der es um den Aufbau einer Scanstelle für Menschen mit Behinderung ging. Ich habe mich beworben, bin genommen worden und war damit ganz schnell aus meiner fränkischen Heimat hier in Berlin gelandet. So fing das an.

Dieser Job endete 2013. Da war die Arbeit getan und ich war zum ersten Mal in meinem Leben drei Monate arbeitslos. Und Arbeitslosigkeit halte ich ja menschlich ganz schlecht aus. Ich habe damals gedacht: „Was kannst du? Was hast du?“ und habe meine Firma „YesWeScan“ gegründet.

Du hast Dich dann trotzdem wieder für den ersten Arbeitsmarkt entschieden…

Ich habe mich weiterhin beworben und dann wieder Arbeit bei einem Softwareanbieter für elektronische Signaturen und Siegel bekommen. Später bin ich dann wieder zum Dokumentenmanagement zurückgewechselt und habe bei einer Firma gearbeitet, die ein DMS anbietet, welches auch in der öffentlichen Verwaltung eingesetzt wird. Als IT-Projektleiter war ich dafür verantwortlich, dass das Projekt im Zeit- und Kostenrahmen fertig gestellt wurde – und teilweise war ich auch fürs Geld eintreiben verantwortlich. (lacht)

Du hast ja durchaus eine Weile Berufserfahrung: Was sind für dich die markantesten fachlichen Änderungen seitdem Du Dich mit dem Thema Scannen beschäftigst?

Von der reinen Scan-Thematik her passiert nicht mehr allzu viel. Die Scanner werden schneller, die Scanner werden besser. Sie können heute automatisch ausrichten, was früher noch nicht ging. Also Papier, welches krumm eingezogen wurde, können manche Scanner geraderichten. Sie erkennen auch mittlerweile Tackerklammern, das heißt man vermeidet Gerätebeschädigungen.

Was mich immer noch fasziniert, ist die Mischung aus Elektronik, Software und Physik, denn es geht ganz viel um Optik. Wer schon mal einen Tagesschausprecher mit einer schlechten Krawatte gesehen hat, der kennt den Moiré-Effekt, so ein komisches Bildschirmflackern auf der Krawatte. Da überlagern sich zwei Muster und gleiches passiert auch beim Scannen. Sollte man tunlichst vermeiden. Das ist für mich die Herausforderung.

War es für Dich eine besondere Herausforderung, als Du die Inklusions-Scanstelle eingerichtet hast?

Auf jeden Fall. Ich habe zu der Zeit in Straubing gearbeitet und wir waren im Februar im Urlaub in Berlin. Ich habe dort eine Zeitung gekauft. Die lungerte bis April in meinem Auto rum. Und dann habe ich das Auto aufgeräumt, die Zeitung gefunden, die Stellenanzeige gesehen und habe gedacht: „Das probierst du einfach mal.“ Ich bin da relativ spontan. Und wie gesagt: ich wurde genommen.

Ich hatte dort vollkommen freie Hand, was ich tue. Aber es gab natürlich einen Vorgesetzten, der mir ein Budget gegeben hat. Ich habe damals gesagt: „Ich glaube, ich brauche jetzt erstmal eine Weiterbildung, wie man mit behinderten Menschen umgeht.“ Aber er meinte: „Du hast so viel Musik- und Bühnenerfahrung, das machst du jetzt mal nicht. Verlass dich auf den Bauchgefühl.“ Das habe ich dann getan – und es hat funktioniert.

Menschen mit Behinderung sind genauso gute Arbeitskräfte wie Menschen ohne Einschränkungen. Man muss eben auf ihre individuelle Einschränkung eingehen und schauen, wie man diese kompensieren kann. Ich habe zweimal Scanstellen in Inklusionsbetrieben eingerichtet. Einmal für die Alexianer und später für die Johannesstift-Diakonie. Die Dankbarkeit dieser Menschen, dass sie Arbeit bekommen, dass sie auf dem ersten Arbeitsmarkt beschäftigt sind, dass sie eigenverantwortlich in die Renten- und Sozialversicherung einzahlen. Das ist unglaublich!

Du hast vorhin gesagt, dass dein Chef zu dir gesagt hat, du hättest so viel Musik- und Bühnenerfahrung. Was hat er damit gemeint?

Ich habe auf eigenen Wunsch mit fünf Jahren begonnen, Akkordeon zu lernen. Ich habe das wohl mal irgendwo gesehen und ein Nachbar spielte auch Akkordeon. Klein-Carsten wollte das dann auch. Meine Eltern haben es mir Gott sei Dank ermöglicht, obwohl damals das Geld noch ein bisschen knapp war. Ich bekam erst einmal ein Leihakkordeon, denn kaufen war noch nicht drin. Mit dem kleinen Leihakkordeon habe ich angefangen und dann wurde es immer mehr. Ich werde nächstes Jahr 60 und spiele seit 55 Jahren Akkordeon, und das einfach mit Leidenschaft. Ich spiele Jazz. Ich spiele im Akkordeon-Orchester klassische Musik. Im Akkordeon-Ensemble habe ich Volksmusik gemacht. Ich war Alleinunterhalter mit dem Keyboard. Zurzeit spiele ich auch noch in der Cover-Rock-Band „Faltenrock“. Wir haben nämlich alle schon Falten und spielen Rock. Und die Webseite www.faltenrock.de war tatsächlich frei. So entstand der Bandname.

Und wie oft trittst Du auf?

Es ist weniger geworden. Ich habe früher als Alleinunterhalter in Bayern bis zu 100 Auftritte im Jahr gemacht. Jedes Wochenende zwei Mal: Freitag, Samstag mal Biergarten, mal Hochzeit, Firmenfeiern, was auch immer. Das würde ich heute körperlich nicht mehr schaffen. Wir mussten das sogar steuerlich anmelden.

Aber durch das Geld, das ich dort eingenommen habe, konnte ich mir einen Traum verwirklichen. Ich konnte mir die alten Synthesizer kaufen, von denen ich früher geträumt habe. Meistens kaufe ich mir im Herbst irgendetwas Kaputtes und über den Winter repariere ich es dann, setze es wieder instand. Und so entsteht langsam mein kleines Museum. Ich kümmere mich auch jetzt schon um mein Ableben. Klingt albern, aber die ganzen Geräte gehen danach ins Musikinstrumentenmuseum Berlin. Mit denen habe ich gesprochen. Die waren bei mir, haben sich das angeschaut und haben gesagt, sie nehmen die ganze Sammlung.

Du hast gesagt, Du präparierst und setzt Instrumente instand. Du hattest uns vorher schon verraten, dass Du das nicht nur für Deine Sammlung machst, sondern auch ehrenamtlich.

Ich spiele in Berlin im Akkordeonorchester Berlin e.V. Dieses Akkordeonorchester ist – wie viele andere auch – Mitglied im Deutschen Harmonika-Verband. Deutscher Harmonika-Verband Landesverband Berlin e.V. ist die korrekte Bezeichnung. Das war hier in Berlin eine lose Ansammlung von Menschen und wir haben es in einem Kraftakt zu einem gemeinnützigen Verein gemacht, so dass wir jetzt auch in der Lage sind, Spendenquittungen auszustellen sowie Spendengelder und -instrumente entgegenzunehmen. Mit dem Geld wollen wir versuchen, das Selbst-Musizieren und das Spielen für Jugendliche, welche die finanziellen Mittel nicht haben, aber auch für Senioren zu ermöglichen.

Da stellt ihr Akkordeons zur Verfügung?

Ja, wenn wir Instrumente haben, können wir diese an die Spielenden in den Orchestern verleihen. Das tun wir auch. Es kommt auch vor, dass ein geflüchtetes Kind aus der Ukraine kommt, welches dort Akkordeon gespielt hat und das Instrument natürlich nicht mitnehmen konnte. Dann können wir Instrumente zur Verfügung stellen.

Wenn wir gebrauchte Instrumente bekommen, arbeite ich sie auf. Ich mache das, was ich kann, also Abdichtungen und Optik und all diese Sachen. Zum Stimmen allerdings fehlt mir das Werkzeug. Hierfür kooperieren wir in Berlin mit der Firma Akkordeon Centrum Brusch, die auch bei uns Mitglied sind.

Was bedeutet Dir das gemeinsame Musizieren?

Ich bin ja in Bayern aufgewachsen, genauer gesagt in Franken, und dort sind, Gott sei Dank, Hausmusik und gemeinsames Musizieren immer noch verbreitet. Und gerade an Weihnachten wird das wieder hervorgekramt, weil es draußen kalt und usselig ist. Da sitzt man drinnen zusammen und musiziert miteinander. Ich finde es ein bisschen schade, dass wir das in Berlin kaum haben. Ich glaube auch nicht, dass wir es schaffen werden, dass das kommt. Aber wünschen würde ich mir trotzdem, dass Menschen wieder zusammensitzen, dass sie gemeinsam musizieren und dass sie dadurch vielleicht auch innerlich etwas ruhiger und zufriedener werden in diesen verrückten Zeiten.

Du hast ja auch für unsere Weihnachtskarte die Musik auf dem Akkordeon eingespielt. Schön, dass du dich dazu bereiterklärt hast.

Ich mache das einfach gerne und auch schon lange. Trotzdem war ich aufgeregt, weil solo macht man eine Aufnahme eher selten. Im Ensemble und dann im Orchester kannst du dich immer noch ein bisschen verstecken.

Danke, lieber Carsten für das wunderbare Gespräch und Deine musikalischen Aktivitäten. Wir wünschen Dir eine harmonische Vorweihnachtszeit, im doppelten Sinne.