von Ute | 22. Juni J | Vergabeberatung, Fachveranstaltung, Künstliche Intelligenz, Vergaberecht
Am 10. Juni nahm die IMTB-Beschaffungsmanagement & Consulting GmbH am IT-Vergabetag 2026 in Berlin teil. Die vom Deutschen Vergabenetzwerk (DVNW) veranstaltete Fachkonferenz zählt zu den wichtigsten Plattformen für den Austausch zu aktuellen Entwicklungen der öffentlichen IT-Beschaffung zwischen öffentlichen Auftraggebern, Politik, Wissenschaft und Wirtschaft. Die Veranstaltung bot wertvolle Einblicke in die zukünftige Ausrichtung des öffentlichen Einkaufs und zeigte deutlich, vor welchen Herausforderungen öffentliche Auftraggeber in den kommenden Jahren stehen werden. Insbesondere die Themen digitale Souveränität, Künstliche Intelligenz, Cybersicherheit sowie die geplante Beschleunigung von Vergabeverfahren standen im Mittelpunkt der Diskussionen.
Digitale Souveränität gewinnt weiter an Bedeutung
Ein zentrales Thema des IT-Vergabetages war die Frage, wie öffentliche Auftraggeber ihre digitale Handlungsfähigkeit langfristig sichern können. Vor dem Hintergrund zunehmender geopolitischer Unsicherheiten und technologischer Abhängigkeiten wurde intensiv diskutiert, welche Rollen Beschaffung und Vergabestrategie bei der Stärkung der digitalen Souveränität Deutschlands und Europas einnehmen können. Dabei wurde deutlich, dass Vergabeverfahren künftig nicht mehr ausschließlich unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet werden. Vielmehr gewinnen Aspekte wie Interoperabilität, offene Standards, Datenhoheit und langfristige Unabhängigkeit von einzelnen Herstellern zunehmend an Bedeutung. Für die Beratungspraxis der IMTB bestätigt dies die wachsende Relevanz einer frühzeitigen strategischen Bedarfsanalyse und einer vergaberechtskonformen Berücksichtigung technologischer Anforderungen bereits in der Planungsphase von Beschaffungsvorhaben.
Künstliche Intelligenz verändert die öffentliche Beschaffung
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz in Verwaltung und Beschaffung. Diskutiert wurden sowohl die Beschaffung von KI-Lösungen als auch deren Einsatz zur Unterstützung interner Verwaltungs- und Vergabeprozesse. Die Beiträge machten deutlich, dass öffentliche Auftraggeber zunehmend vor der Herausforderung stehen werden, innovative KI-Lösungen rechtssicher und diskriminierungsfrei zu beschaffen. Gleichzeitig bergen KI-gestützte Werkzeuge erhebliche Potenziale zur Effizienzsteigerung bei Dokumentenanalysen, Datenaufbereitungen und administrativen Prozessen. Aus Sicht der IMTB wird die Verbindung von technologischem Verständnis und vergaberechtlicher Expertise künftig noch stärker an Bedeutung gewinnen. Auftraggeber benötigen Unterstützung dabei, innovative Technologien marktgerecht zu beschreiben und zugleich die vergaberechtlichen Grundsätze von Wettbewerb, Transparenz und Gleichbehandlung sicherzustellen.
Vergabebeschleunigung bleibt zentrales Handlungsfeld
Große Aufmerksamkeit erhielt zudem die Diskussion um die geplanten Reformen des Vergaberechts und die politische Zielsetzung einer weiteren Beschleunigung öffentlicher Beschaffungen. Insbesondere im IT-Bereich stellt die Geschwindigkeit von Vergabeverfahren einen wesentlichen Erfolgsfaktor dar. Technologische Entwicklungen verlaufen häufig deutlich schneller als klassische Beschaffungszyklen. Die Diskussionen auf dem IT-Vergabetag zeigten daher einen breiten Konsens, dass Vergabeverfahren effizienter gestaltet werden müssen, ohne dabei die Grundprinzipien des Vergaberechts zu beeinträchtigen. Für öffentliche Auftraggeber bedeutet dies, dass eine professionelle Vorbereitung von Vergabeverfahren, eine strukturierte Bedarfsplanung sowie eine frühzeitige Marktanalyse zunehmend an Bedeutung gewinnen.
Neuausrichtung des zentralen IT-Einkaufs des Bundes
Besondere Aufmerksamkeit erregten die vorgestellten Überlegungen zur zukünftigen Organisation des zentralen IT-Einkaufs des Bundes. Ziel ist es, Beschaffungskompetenzen stärker zu bündeln, Standardisierungen voranzutreiben und den Einkauf strategischer auszurichten. Die vorgestellten Ansätze verdeutlichen den Trend hin zu einem professionellen Beschaffungsmanagement, das nicht nur Vergabeverfahren durchführt, sondern den gesamten Beschaffungsprozess von der Bedarfsentstehung bis zum Lieferantenmanagement begleitet.
Fazit
Die Teilnahme am IT-Vergabetag 2026 hat gezeigt, dass die öffentliche IT-Beschaffung vor einem grundlegenden Wandel steht. Themen wie digitale Souveränität, Künstliche Intelligenz, Cyber-Resilienz und die Modernisierung des Vergaberechts werden die Beschaffungspraxis in den kommenden Jahren maßgeblich prägen. Für die IMTB bestätigt die Veranstaltung die Bedeutung eines integrierten Beratungsansatzes, der vergaberechtliche Expertise, Marktkenntnis und technisches Verständnis miteinander verbindet. Nur so können öffentliche Auftraggeber die Herausforderungen der digitalen Transformation erfolgreich bewältigen und gleichzeitig wirtschaftliche, rechtssichere und zukunftsfähige Beschaffungslösungen realisieren.
von Ute | 18. Juni J | IMTB Insight
Seit mittlerweile über anderthalb Jahrzehnten hat sich das IMTB-Sommerforum zu einem festen Fixpunkt im Kalender der IMTB entwickelt, ist es doch eine Gelegenheit mit Kunden, Partnern und Freunden in den Dialog zu kommen, sich inspirieren zu lassen und gemeinsam die eine oder andere Idee zu entwickeln.
Von der sommerlichen Festlichkeit zur Fachveranstaltung
Seinen Ursprung hat das IMTB‑Sommerforum bereits im Jahr 2008. Was einst als sommerliche Zusammenkunft begann, ist heute eine etablierte Fachveranstaltung, die Expertinnen und Experten aus unterschiedlichsten Bereichen zusammenbringt.
Unser Konzept ist dabei bewusst reduziert geblieben: keine Großkonferenz mit steriler Atmosphäre, sondern eine Mischung aus Impulsvorträgen, offenen Gesprächen und persönlichem Austausch eingebettet in das wunderbare Ambiente des Theaterplatzes vor dem Deutschen Theater, wo ein Gedankenaustausch in sommerlicher Stimmung im Herzen Berlins stattfinden kann.
Diese besondere Verbindung aus fachlicher Tiefe und persönlicher Begegnung ist es, welche den Charakter des IMTB-Sommerforums bis heute ausmacht.
Eine Bühne für aktuelle Themen der Verwaltungsmodernisierung
Inhaltlich geht es beim IMTB‑Sommerforum um zentrale Fragen der Transformation der öffentlichen Verwaltung. Digitalisierung, Organisationsentwicklung und technologische Innovationen stehen regelmäßig im Mittelpunkt, wobei – typisch IMTB – der Blick auf die Menschen hinter den Prozessen nicht fehlen darf.
Die Themen der letzten Jahre als Widerspiegelung der Herausforderungen der Zeit
Bereits im Jahr 2023 stand das IMTB-Sommerforum ganz im Zeichen der Künstlichen Intelligenz, einem Thema, das bis heute den Transformationsdiskurs im öffentlichen Sektor massiv mitbestimmt. Damals diskutierten wir mit unseren Referierenden Chancen, Risiken und konkrete KI-Anwendungsfelder in der Verwaltung.
Neue Arbeitswelten und technologische Entwicklungen rückten 2024 in den Mittelpunkt. Spannend hier waren erstmals zugeschaltete Online‑Vorträge, ein kleines, aber symbolträchtiges Novum.
Das IMTB-Sommerforum 2025 verband unter dem Motto „Kultur und Digitalisierung“ zwei Welten miteinander und zeigte, wie tiefgreifend digitale Transformation auch kulturelle Institutionen verändert.
Das IMTB-Sommerforum als Spiegel seiner Zeit. Ein Blick nach vorn.
Auch künftig bleibt das IMTB‑Sommerforum eine Plattform für zukunftsorientierte Fragestellungen. Für dieses Jahr ist das Leitthema programmatisch gewählt:
„Zeit, dass sich was dreht: Zukunft gestalten statt Krisen verwalten.“
Gerade in einem Umfeld, das zunehmend von Unsicherheit und schnellen Veränderungen geprägt ist, rückt die Frage in den Mittelpunkt, wie der öffentliche Sektor aktiv gestaltet kann, statt nur zu reagieren.
Zugleich fällt das kommende Sommerforum in ein besonderes Jahr: Das 20‑jährige Firmenjubiläum der IMTB verleiht der Veranstaltung zusätzliche Bedeutung und knüpft thematisch unsere Grundidee an, Bewegung in Informationen, Menschen und Technik zu bringen.
Das IMTB‑Sommerforum zeigt damit, wie sich selbst komplexe Themen am besten diskutieren lassen. Nämlich dort, wo Menschen zusammenkommen, zuhören, hinterfragen und gemeinsam weiterdenken.
von Ute | 17. Juni J | Projektbegleitung, Kommunikation und Medien, Organisationsberatung
Ein Beitrag von Annika Adolf und Jürgen Tischmacher
Wir als IMTB Consulting GmbH haben zusammen mit dem Sächsischen Staatsministerium der Justiz (SMJus) von November 2025 bis April 2026 ein landesweites Konzept entwickelt, das den Austausch über und die Wissensvermittlung zum Rechtsstaat stärkt: nah an den Menschen, vor Ort mit Fokus auf den Freistaat und mit starken Partnerinnen und Partnern.
Unter dem Titel „Talking Rechtsstaat“ werden zukünftig verstärkt unterschiedliche Veranstaltungsformate umgesetzt, um den Wert des Rechtsstaats für eine funktionierende Demokratie aus interessanten Perspektiven zu beleuchten. Von der IMTB und dem Sächsischen Staatsministerium für Justiz gemeinsam entwickelte Formatsteckbriefe schaffen einen Rahmen für die Durchführung von Veranstaltungen für größere Gruppen („Bürgerforum Recht“) oder eher personenzentrierte Bildungs- und Austauschformate („Was macht eigentlich…eine Richterin?“).
Unsere Zusammenarbeit mit dem SMJus nahm konsequent sowohl Strategie als auch Umsetzung in den Blick: klare Ausrichtung, aktiv eingebundene Stakeholder, klar strukturierte Formate und ein Dialog, der auf Wirkung zielt. So entsteht ein Programm, das landesweit durch Partnerinnen und Partner vor Ort (mit-)getragen wird und regional mithilfe von verständigungsorientierter Kommunikation in die Fläche getragen wird.
Sie möchten mehr erfahren oder ein ähnliches Vorhaben starten? Kontaktieren Sie uns: projektbegleitung@imtb.de
von Ute | 15. Juni J | Digitalisierung & KI, Organisationsberatung, Steuerung und Controlling
Ein Fachbeitrag von Isabella Helbach
Als Teil einer berlinweiten Initiative zur Qualitätsverbesserung der Schulreinigung soll die KleanBerlin-App zukünftig die Zusammenarbeit zwischen Schulen, Reinigungsfirmen und Bezirksämtern optimieren. Gemeinsames Ziel von Senat und Bezirken ist es, die Sauberkeit an Berliner Schulen langfristig zu verbessern und Reinigungsprozesse transparenter sowie nachvollziehbarer zu gestalten. Doch welche Rolle spielt die IMTB in diesem Kontext?
Ausgangslage, Zielsetzung und Maßnahmen
Ausgangspunkt des Projekts war die Frage, wie sich die Qualität der Schulreinigung an Berliner Schulen langfristig messbar und einheitlich verbessern lässt. Rückmeldungen aus Schulen hatten gezeigt, dass Reinigungsleistungen häufig unterschiedlich wahrgenommen wurden und bestehende Prozesse nur eingeschränkt nachvollziehbar waren.
Um diesen Herausforderungen strukturiert zu begegnen, haben der Berliner Senat und die Bezirke im Rahmen der AG Schulreinigung die Zielvereinbarung „Qualitätsverbesserung Schulreinigung“ ins Leben gerufen. Sie wurde 2024 unterzeichnet und 2026 fortgeschrieben. Ziel der Vereinbarung ist es, ein gemeinsames Verständnis von Qualitätsstandards zu schaffen und die Schulreinigung berlinweit stärker zu standardisieren.
Im Mittelpunkt stehen dabei vier zentrale Qualitätsindikatoren: standardisierte Qualitätskontrollen, allgemeine Reinigungskontrollen an Schulstandorten, die Zufriedenheit mit der Sauberkeit an Schulen sowie die Bewertung der Sanitärbereiche. Zur Umsetzung wurden insgesamt 14 Maßnahmen definiert, darunter die Entwicklung standardisierter Kontrollprozesse, berlinweite Befragungen und die Einführung einer digitalen Reinigungskontroll-App.
Genau hier setzt die KleanBerlin-App an: Sie unterstützt Schulen und Bezirke dabei, Reinigungsleistungen nachvollziehbar zu dokumentieren, Mängel strukturiert zu erfassen und Prozesse effizienter zu steuern. Inzwischen umfasst das Projekt mehr als 700 Berliner Schulen, darunter bezirkliche, zentral verwaltete und berufliche Schulstandorte.
Die Rolle der IMTB: Koordination, Struktur und Umsetzung
Die IMTB begleitete das Projekt als zentraler Partner bei der Analyse, Strukturierung und Weiterentwicklung derjenigen Prozesse, die für eine funktionierende digitale Reinigungskontrolle notwendig sind. Ein Schwerpunkt lag dabei auf der Untersuchung bestehender Kommunikations- und Abstimmungswege zwischen Schulen, Bezirksämtern und Dienstleistern mit dem Ziel, diese Abläufe zu vereinfachen und zu synchronisieren, damit alle Beteiligten auf einer einheitlichen Grundlage arbeiten können.
Dafür wurden zunächst die vorhandenen Kommunikationsprozesse aufgenommen und bewertet, um anschließend Empfehlungen für eine effizientere und klarere Prozessgestaltung zu entwickeln. Ergänzend definierte die IMTB die notwendigen Rahmenbedingungen, führte Marktanalysen durch und arbeitete an der fachlichen Ausgestaltung der App mit.
Durch diese umfassende Unterstützung trägt die IMTB maßgeblich dazu bei, dass die digitale Lösung nicht nur technisch funktioniert, sondern auch organisatorisch in den Alltag der Berliner Schulen integriert werden kann.
Ein mehrjähriger Transformationsprozess
Der Weg zur App war ein mehrjähriger Prozess. Bereits 2022 wurde die AG Schulreinigung gegründet, die den Auftrag erhielt, eine berlinweite Zielvereinbarung zu entwickeln, welche 2024 finalisiert wurde. Im selben Jahr startete ein Pilotprojekt in Friedrichshain-Kreuzberg. 2025 begann der Rollout in den ersten Bezirken, und bis Ende 2026 soll die App flächendeckend in ganz Berlin eingesetzt werden.
Parallel dazu wurden eine Zufriedenheitsumfrage zur Schulsauberkeit durchgeführt, eine EU-weite Ausschreibung abgeschlossen und die Zielvereinbarung 2026 fortgeschrieben. Der Zeitplan zeigt, wie umfassend das Vorhaben ist und wie viele organisatorische und technische Schritte notwendig waren, um eine funktionierende Lösung zu schaffen.
Was die KleanBerlin-App leistet
Die App bildet den gesamten Prozess der Reinigungskontrolle digital ab. Täglich werden rund 3.500 mobile Kontrollen durchgeführt, die systematisch ausgewertet werden. Mängel können direkt erfasst und automatisch an die zuständigen Stellen weitergeleitet werden. Schulhausmeisterinnen und Schulhausmeister erhalten dafür iPads und werden geschult; regelmäßige Feedbackrunden sorgen dafür, dass Rückmeldungen aus der Praxis kontinuierlich in die Weiterentwicklung einfließen.
Bezirksämter nutzen ein Webportal, das umfangreiche Auswertungsmöglichkeiten, ein vollständiges Berichtswesen, ein integriertes Sanktionsmanagement sowie die Pflege von Raumdaten umfasst.
Der Zweck der App ist klar formuliert: Sie soll die Reinigungsqualität verbessern, Mängel dokumentieren und die Rahmenbedingungen für das Lernen und Arbeiten an Berliner Schulen stärken.
Fazit
KleanBerlin ist mehr als eine App, es ist das Ergebnis jahrelanger Koordination, strukturierter Prozessarbeit und enger Zusammenarbeit zwischen Senat, Bezirken und Schulen. Wir sind stolz darauf, dieses Projekt von Anfang an begleitet zu haben und freuen uns darauf zu sehen, wie es nach dem flächendeckenden Rollout Ende 2026 seine volle Wirkung entfaltet.
von Ute | 6. Juni J | Digitalisierung & KI, Künstliche Intelligenz
Kontext schlägt KI-Modell: Der neue Schatz der Verwaltung
Warum Behörden jetzt ihren fachlichen Kontext als strategisches Asset und IT-Sicherheitsthema begreifen müssen
Ein Fachbeitrag von Martin Möller-Wettingfeld
Sprachmodelle werden zur austauschbaren Commodity. Der eigentliche Wert liegt im organisationsspezifischen Kontext. Für Behörden entscheidet die Pflege dieses Schatzes über digitale Souveränität, Handlungsfreiheit und IT-Sicherheit. Wer jetzt nicht handelt, übergibt die Schlüssel der Schatztruhe an Dritte.
Die Debatte um Künstliche Intelligenz in deutschen Behörden dreht sich noch immer überwiegend um Use Cases, Modelle, Plattformen und Hosting-Fragen. Das greift zu kurz. KI-Sprachmodelle haben zwar (ständig wechselnde) Stärken und Schwächen, aber die Grundtendenz ist eine relative Angleichung, sie konvergieren zunehmend.
Auch dadurch werden sie zunehmend zum austauschbaren Standardgut, so wie Strom aus der Steckdose. Und während Open-Source Sprachmodelle wie Llama, Mistral, DeepSeek oder Qwen die zukünftigen Margen der Hyperscaler torpedieren und OPOS-Architekturen (On-Premise-Open-Source) ermöglichen, verschiebt sich der eigentliche Differenzierungsfaktor an eine Stelle, die in Verwaltungen bisher kaum adressiert wird: den Kontext.
Kontext macht aus Daten Wissen
Kontext meint das (behörden-) spezifische Wissen, das einem KI-System für seinen jeweiligen Zweck bereitgestellt wird: Gesetze und Verwaltungsvorschriften, interne Dienstanweisungen, Mustervorlagen, Fachverfahrensdaten, Zuständigkeiten, Fristen und Präzedenzfälle. Dies erfolgt seit einigen Jahren z. B. durch RAG-Architekturen (Retrieval Augmented Generation) oder, sehr viel seltener, weil aufwändiger, durch Training/Finetuning von KI-Modellen.
Ohne diesen Kontext erzeugt ein Sprachmodell flüssige Texte, aber keine verwaltungstauglichen Ergebnisse. Mit ihm kann aus einer generischen Textmaschine ein Werkzeug werden, das den Post- und E-Mail-Eingang automatisch und strukturiert in die nachgelagerten Systeme übergibt, Bescheide vorbereitet, Widersprüche einordnet, komplexe Dokumentationen selbst für Nicht-Experten nutzbar macht oder Bürgeranfragen direkt und qualifiziert beantwortet.
Die alte Formel „Daten sind das neue Erdöl“ trifft die Sache nicht mehr. Es sind nicht die Rohdaten, sondern die Kontexte, also die (mit KI?) kuratierten Kombinationen aus Daten, Dokumenten, Rollen und Dokumentationen, die den strategischen Schatz der meisten Organisationen darstellen.
International hat sich dafür der Begriff „Context Engineering“ bzw. Kontextmanagement etabliert. Das Marktforschungsinstitut Gartner definiert ihn als das Strukturieren von Daten, Workflows und Umgebungen, damit KI-Systeme Absichten verstehen und verwaltungsgerechte Ergebnisse liefern.
Es ist naheliegend das „Kontextmanagement“, auch durch eine KI, oder gar durch „Agentic-AI“ erledigen oder zumindest unterstützen zu lassen. Das ist bereits möglich – mehr dazu bald in einem weiterführenden Beitrag.
Die Mutter aller Vendor-Lock-ins – eine „Elementare Gefährdung“?
Für Behörden hat die Verschiebung eine unangenehme Kehrseite. Kontext, der nicht selbst strukturiert bewirtschaftet wird, verschwindet nicht. Er wird von Dienstleistern erschlossen.
Dadurch entsteht eine qualitativ neue Form von Abhängigkeit. Bei klassischem Vendor-Lock-in geht es um Software, Schnittstellen, Datenformate und Lizenzen. Beim Kontext-Lock-in wird es um die Externalisierung des eigenen institutionellen Wissens gehen.
Wird der Lock-In im BSI IT-Grundschutz derzeit noch als ein Risikofaktor behandelt, kann er im Zuge dieser Entwicklung durchaus als eine neue „Elementare Gefährdung“ angesehen werden.
Wildwest auf Projektebene
Plattformanbieter, KI-Startups und Systemintegratoren stecken aktuell ihre Claims ab, was man ihnen übrigens nicht ankreiden kann. Erst allmählich wird klar, dass der Kontext ein strategisches und schützenswertes Asset ist.
Aber wir sollten uns bewusst sein, dass wenn im Rahmen von ersten KI-Projekten Daten, Dokumente (hoffentlich anonymisierte), Prozessinformationen u.v.m. relativ freigiebig herausgegeben werden, sich der Kontext-Schatz der Allgemeinheit in Privateigentum verwandelt.
Kontext als Compliance-Ebene und schutzbedürftiges Gut
Im öffentlichen Sektor ist Kontextmanagement nicht nur eine Qualitätsfrage, sondern wird zu einer eigenen Compliance-Ebene. Gefordert werden durch die KI-VO schon bald Risikomanagement, Monitoring, technische Dokumentation, Protokollierung, menschliche Aufsicht sowie Genauigkeit und Robustheit. Die DSK-Orientierungshilfe macht zusätzlich deutlich, dass jede Wissensbasis (= Kontext für KI) mit personenbezogenen Daten selbst zur Verarbeitungshandlung wird – mit entsprechenden Folgen für Zweckbindung, Berechtigungsmodelle, Betroffenenrechte und Löschkonzepte.
Aus Sicht der IT-Sicherheit verändert sich die Bedrohungslage quantitativ und qualitativ durch Prompt Injection über manipulierte Dokumente, Datenabzug durch clever formulierte Anfragen, Veränderung der eigenen Wissensbasis durch extern erstellte Kontext-Verknüpfungen und die o.g. Einschränkung der Souveränität über das institutionelle Wissen.
Besonders weitreichend ist ein Aspekt, der leicht übersehen wird: Eine Wissensbasis, auf deren Grundlage Bescheide vorbereitet werden, wird mittelbar selbst Teil des Verwaltungshandelns. Die Begründungspflicht nach § 39 VwVfG greift auf den Kontextspeicher durch und Anwendende in Behörden „erben“ somit die Verantwortung für die Richtigkeit der Quelle.
Einfach die Finger davon lassen?
Jetzt könnte man beschließen, erstmal die Finger davon zu lassen. KI wird nur in isolierten und gut kontrollierbaren Use Cases eingesetzt und der Kontextschatz bleibt dort, wo er ist: im Nirvana von etlichen Gehirnen, Dokumentationen und Systemen.
Zwei Argumente dagegen:
Zunächst die Wiederholung meines zentralen Arguments: Wer diesen Schatz nicht hütet und pflegt, verschwendet diese Ressource bzw. überlässt die Erschließung derselben der Privatwirtschaft, mit den beschriebenen Folgen.
Aber auch die anfangs beschriebene Tendenz zur Konvergenz spielt eine entscheidende Rolle, weil sie sich eben nicht nur bei KI-Modellen zeigt. Sie betrifft auch die Konvergenz in dem Dreieck „Kommerzieller Sektor“, „Anwendende“ und „Öffentlicher Sektor“. Private KI-Nutzung geht voran, wird schnell von der Privatwirtschaft adaptiert und prägt die Erwartungshaltung und das Nutzungsverhalten von Bürgerinnen und Bürgern auch gegenüber der Öffentlichen Verwaltung, so wie Internet, E-Mail und Smartphones.
Selbst wenn Behörden erst einmal auf prozessunterstützende KI verzichten, wird KI in Bürgerhand schon bald die „menschliche Taktung“ von Vorgängen übersteigen. Man möchte sich kaum ausmalen, welche strukturelle Asymmetrie das in Zeiten von zunehmenden Personalengpässen verursachen könnte, wenn sich KI-generierte Anträge, Widersprüche und lange rechtliche Argumentationen oder von KI-Agenten überwachte Ansprüche und Fristen durchsetzen.
Aber gerade deswegen sollten wir es uns ausmalen und dann nochmals über aktives Kontextmanagement nachdenken.
Was jetzt zu tun ist
Kontextmanagement ist weder rein technisch noch rein fachlich – es sitzt an der Schnittstelle. Behörden brauchen für KI neue Management-Systeme, wie z. B. ein KI-Management-System (KIMS) nach ISO 42001, neue Rollenprofile und eine engere Verzahnung von Fachabteilung und IT.
Die Handlungsaufforderung ist eindeutig: Behörden sollten ihren Kontext explizit als strategisches Asset deklarieren, ihn als eigenständige Dimension der IT-Sicherheit anerkennen und ihn als verwaltungsrechtlich relevante Entscheidungsinfrastruktur behandeln. Wer das versäumt, übergibt die Schlüssel der Kontextschatztruhe an Dritte und wird mit neuen Dimensionen der IT-Sicherheit konfrontiert.
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Dieser Beitrag ist am 11.05.2026 auch in der Online-Ausgabe der Fachpublikation eGovernment erschienen. Und kann unter folgendem Link abgerufen werden: https://www.egovernment.de/kontext-schlaegt-ki-modell-der-neue-schatz-der-verwaltung-a-4b938ae12e7457f0f251dd7332b228fc/